Awiro-Redebeitrag: „Her mit dem schönen Leben“

Der folgende Redebeitrag wurde von Genoss_innen geschrieben und im Rahmen der Rostock Hilft- Demo „Her mit dem schönen Leben“ verlesen.

 

Bürgerinnen und Bürger! Liebe Genossen, Freunde und Mitstreiterinnen!

Das schöne Leben, was ist damit gemeint?

Für uns als Verein „Alternatives Wohnen in Rostock“, wie für viele andere auch, bedeutet das schöne Leben an ziemlich erster Stelle Wohnen und soziales Umfeld. Zumindest haben diese Faktoren einen starken Einfluss. Natürlich hängen beide Faktoren auch miteinander zusammen.

Besonders das soziale Umfeld muss im heutigen Neoliberalismus, mit seiner Vereinzelung, immer öfter zurückstecken. Und auch Wohnraum wird als Ware im Spekulationssektor der Verwertungslogik unterworfen. Das mag kritisieren wer will, zum Beispiel im Hinblick auf das Grundgesetz, in dem Wohnen als Grundrecht verankert ist. Die Wohnungsmarktverhältnisse in MV und besonders in Rostock sind katastrophal. In der Stadt gibt es einen Leerstand von unter 2% – mindestens 3% sind nötig um entspannte Umzugsmöglichkeiten für eine funktionierende Stadt zu haben!

Und wenn dann mal in der Innenstadt oder auch anderswo gebaut wird, sind es vermeintlich schicke Wohnungen (Stichwort weiße Fassade – schwarze Fenster!) – als Eigentum erwerbbar oder zu horrend hohen Mieten, die für den Normalverdiener kaum noch bezahlbar sind.

– Nachtrag: In diesem Kontext sei daran erinnert, dass Mitte der 90er bis in die 2000er massiv Plattenbauten (in Toitenwinkel) abgerissen und (im Nordwesten) rückgebaut wurden! Um das „Image aufzuhübschen“ – ich sage: lieber zehnmal Platte als das, was uns überteuert in der Innenstadt vorgesetzt wird! –

Es herrscht in Rostock eine Mietbelastungsquote von knapp 31%! Experten sehen bereits 27% als kritischen Wert an. Immerhin haben wir es in MV vor kurzem endlich geschafft, den Durchschnittslohn auf 80% des Bundesniveaus anzunähern. Jeder kann sich selber zusammenreimen, was da noch zum guten, zum schönen Leben übrig bleibt! Was nützt uns denn das Recht auf Wohnen, wenn es sich keiner mehr leisten kann?!

Doch genug der Zahlen. Nicht nur was den Anteil an Einkommen für Miete betrifft, sind wir in Rostock überdurchschnittlich! 2014 war Rostock im Ausmaß sozialer Segregation bundesweit auf dem zweiten Platz – hinter Schwerin. Und es ist zu bezweifeln, dass sich das allzu stark geändert hat.

Soziale, oder allgemein Segregation – das bedeutet in Bezug auf Stadtentwicklung so viel wie die „ungleiche Verteilung von Bevölkerungsgruppen über städtische Teilgebiete.“

Hier wären wir wieder beim sozialen Umfeld!

Wir als AWIRO sind in der schönen KTV angesiedelt – die hat sich über die letzten 20/25 Jahre ziemlich gewandelt. Von dem schäbigen Viertel, das zumindest ich nur aus „Rostock ganz unten“ kenne, ist nicht mehr viel zu sehen. Doch ganz ähnlich verhält es sich mit den Menschen!

Die allmählich abgeschlossene Umschichtung ist das Ergebnis der Gentrifizierung als Folge der Verschönerung des Viertels. Häuser, die nicht in sich zusammenfallen – das finden auch wir gut und dafür treten wir ein. Aber nicht zum Preis von in die Höhe spekulierten Mieten, wegen Modernisierung und Luxusbau!

Es ist nichts anderes, als eine sozioökonomische Ghettoisierung, welche schleichend durchgeführt wurde! Und das hier ist gewiss keine rein moralische Kritik:

Denn beim kompletten Versagen der parlamentarischen wie radikalen Linken auf ganzer Linie, was die soziale Frage und das Aufzeigen von Alternativen betrifft und dem gleichzeitigen, größtenteils auch daraus resultierenden Erstarken der politischen Rechten jeglicher Couleur, sind die Folgen für die Gesellschaft abzusehen und spürbar.

Davon ist auch sozialer Wohnungsbau definitiv ein Faktor, wenn er auch nicht Ursache für die Umverteilung von Humanressourcen ist. In den Plattenbauvierteln hat die Stadt mittlerweile die Preisbremse gezogen und einen gleichbleibenden Mietspiegel durchgesetzt. Doch bedeuten sogenannte Sozialwohnungen zwingend bezahlbaren Wohnraum und Lebensqualität? Wir wollen uns als Verein und Hausgemeinschaft für ein solidarisches Mietmodell als Gegenentwurf stark machen!

Wir stehen hier vor dem Haus der WIRO, die so freundlich ist, uns unsere Häuser in der Niklotstraße für einen vergleichsweise guten Preis zu verkaufen, sodass wir fortan auch in Taten für dieses selbstverwaltete Gegenmodell und Durchmischung im Viertel einstehen können.

Ihren Hauptanteil an Eigentum hat die WIRO in ebenjenen Gebieten, wo die Verlierer des gesellschaftlichen Kampfes um Wirtschaftlichkeit wohnen. Jene, die die Folgen sozialer Ungleichheit zu spüren bekommen. Wohnen in Rostock, das heißt für einige am Rande der Existenznot zu leben und vielleicht einmal alle paar Wochen in die Innenstadt zu fahren.

Die WIRO hat mittlerweile vom sozialen Wohnungsbau Abstand genommen und plant zur Zeit das Konzept eines eigenen Pflegedienstes als Angebot für ihre Wohnungen. Das finden wir super und begrüßen wir ausdrücklich! Denn auch demographische Segregation ist ein Thema in Rostock. Altersgerechtes Wohnen muss ein wichtiger Punkt in der Stadtentwicklung sein!

Doch der sozialverträgliche Kurs der WIRO als kommunaler Wohnungsgesellschaft wird nicht lange so weitergehen, wenn neoliberale Vertreter der Kapitalfraktion – mit rein unternehmerischen Interessen!! – ins Rathaus und die Bürgerschaft gewählt werden – und hierbei sind wir alle in der Verantwortung!

Gleichzeitig zweifeln wir den demokratischen Charakter von kommunalen Unternehmen im Allgemeinen an. Wie soll es als Bürger_in möglich sein, zu kontrollieren, ob der Gemeinwohlzweck wirklich ausreichend erfüllt wird, wenn wir, wie Ende Mai, alle 5 Jahre, im wahrsten Sinne des Wortes, unsere Stimme, gemeinsam mit dem Ruder, abgeben?! Danach bleibt uns nur zu hoffen, dass die Gewählten den Kurs des Unternehmens in unserem Sinne bestimmen und unsere Steuergelder im Sinne der Gemeinschaft eingesetzt werden!

Ebenso wird uns in der repräsentativen Demokratie der Kommune die Möglichkeit genommen, gemeinschaftlich, als Bürger_innen dieser Stadt, zu entscheiden, wie die Mieten von diesem kommunalen Unternehmen, mit Gemeinwohl als oberstem Zweck, gestaltet werden!

Liebe Leute, in Schweden haben die dafür ’ne Gewerkschaft!! Das wär doch mal was!

Doch wir wissen: Genau wie wir alle, kann auch die WIRO nicht aus ihrer Haut und muss als wirtschaftlich denkendes Unternehmen auf die Zahlen gucken. Und sie wird, als Ergebnis und Bedingung der Verhältnisse [Interesse der Stadt an Profit; Eigentum an Wohnraum] ganz sicher nicht ihre eigenen Interessen denen gerechterer Wohnbedingungen unterordnen, ganz gleich, was irgendwo steht.

Und bis wir hier eine Gewerkschaft für Miete bekommen, wird, wenn überhaupt, noch eine lange Zeit vergehen. Wo sich von Politikern selbst über etwas, was im Grundgesetz geschrieben steht – nämlich Enteignungen – aufgeregt wird, als wäre es der Leibhaftige höchstselbst.

Also wird es auf die Schnelle nicht umsetzbar sein, die Miete direkt mit dem Staat zu verhandeln. Deshalb bleibt uns nur, Wohngenossenschaften zu gründen und Häuser zu kaufen, wo wir dann die Mieten eigenständig setzen und ein solidarisches Miteinander realisieren können!

Doch uns ist sehr wohl bewusst, dass das nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist. Wir stoßen die Verhältnisse nicht um, wir reproduzieren und verfestigen sie im schlimmsten Falle sogar. Friedrich Engels schrieb mal zur Wohnungsfrage, dass es sogar im Interesse der Herrschenden liegt, wenn wir ihre Häuser kaufen.

Auch wir werden die Welt um uns herum nicht ändern können, indem wir plenieren und Vorträge halten. Doch können wir zumindest einen Platz für eine gewisse Freiheit und Zwanglosigkeit schaffen.

Es soll heute auch um Möglichkeiten geben, sich frei zu entfalten. Heißt, einfach so zu leben, wie man will und als die Person, die man ist – selbstverständlich im gemeinschaftlichen Einvernehmen. Besonders für Jugendliche und Heranwachsende ein wichtiger Aspekt! Als Träger der offenen Jugendarbeit bieten wir Perspektive, eine Begegnungsstätte und einen Ort der politischen und organisatorischen Partizipation. Das Café Median unseres Vereins versteht sich selbst als emanzipatorischer Freiraum. Frei mitzugestalten für alle, die Lust drauf haben.

Doch uns ist bewusst, dass auch in unserem Projekt hauptsächlich weniger von Marginalisierung betroffene Menschen vertreten sind. Sei es, weil sie weiß sind oder männlich, cis oder auch einfach nur einen deutschen Pass haben. Zu einem nicht unerheblichen Teil halten sich bei uns Akademiker_innen und deren Kinder auf und andere sozial bevorteilte.

Auch wir können uns von Rassismen und Sexismen nicht komplett freisprechen, doch stehen wir als Laden trotzdem für einen Raum, der einer diskriminerungsfreien Gesellschaft möglichst nahe kommen soll!

Das klappt nicht immer und dieser Selbstkritik müssen wir uns tagtäglich unterziehen.

Wir bedauern weiterhin unter anderem, dass die Mittwochabende im Rahmen des „let’s meet“ nicht mehr stattfinden. Hier wurde das Café noch mehr zu einem Ort des Austauschs für und mit Geflüchteten und Migrant_innen, ähnlich dem Newcomer-Café in der Budapester. Das Scheitern ist einiger organisatorischer wie persönlicher Probleme geschuldet, die im Zusammenhang mit und im Laufe des „let’s meet“ sich auftaten und deren Priorisierung für uns von größerer Wichtigkeit war.

Der Kampf um Emanzipation ist auch für und bei uns ein Prozess.

Um diesen Prozess weiterzuführen, werden wir unsere Häuser kaufen!

Dabei könnt ihr uns unterstützen! Unter anderem hatten wir die letzten 6 Wochen – ursprünglich geplant bis morgen Abend (Anm.: 5.5. – Geburtstag Marx‘) – eine Crowdfunding-Kampagne am Laufen. Mit 217 Spenden wurde unser Ziel von fast 22000 Euro erreicht!! Wie geil ist das denn. Das lief so gut, dass wir überlegen, das einfach weitergehen zu lassen. Haltet die Augen und Ohren offen nach Spendendosen und Links.

Kommt auch bei uns vorbei oder erkundigt euch im Social Media oder anderweitig im Internet! (Anm.: Wir brauchen noch ‘ne Menge Kohle!)

Save AWIRO! Her mit dem schönen Leben, für eine bessere und gerechtere Welt!